Sich ärgern- oder positiv umdeuten? Die humorvolle Kunst des Utilisierens
Der Klassiker im Seminar oder Training: Sie leiten gerade eine Entspannungsübung oder eine Fantasiereise an und – Kawängg- kracht ein Poster von der Wand. Oder ein Handy klingelt. Oder Lalülala fährt vorbei.
Selbst wenn nicht so dramatische Dinge geschehen, gibt es anschließend immer mindestens einen Teilnehmer, der bei der Auswertung meint: „Ich konnte mich nicht entspannen, mich hat das und das gestört.“ Eben das Auto, das Handy, das leise Schnarchen eines glücklich entspannten Teilnehmers.
Unser Leben besteht nun mal aus Geräuschen. Selbst in der Wüste, wo ich mir Ruhe in der endlosen Weite erhoffte, waren ständig Geräusche.
Allen voran der Wind. Aber auch Vögel, Kamelgeblubber, Fliegensummen, Stimmen (man hört ja dort irre weit), Trommeln, Töpfe klappern, Ziegen, Flugzeuge, Motorräder (!) usw.
Kleiner Exkurs: Wir können unsere Aufmerksamkeit lenken
Kennen Sie das? Sie sitzen mit jemand zusammen wie ich an einem Samstagnachmittag mit einer Freundin auf meinen Balkon mit blühenden Blumen und wunderschönem Weitblick ins Aggertal. Wir unterhalten uns angeregt.
Bis sie plötzlich das Gespräch unterbricht und genervt sagt: „Also dieser Rasenmäher ist wirklich furchtbar. Ist das hier immer so laut?“
Bis dahin hatte ich den Rasenmäher gar nicht bewusst wahrgenommen, weil ich mich ganz auf das Gespräch konzentriert hatte.
Oft gelingt es mir dann auch trotz des Einwurfs ihn wieder auszublenden, bis mich meine Besucherin erneut mit erhobener Stimme darauf aufmerksam macht.
Wir können unseren Fokus also durchaus lenken.
Utilisieren
Dennoch gibt es Situationen, wo die „Störung“ unüberhörbar ist. Wenn wir sie denn als solche bewerten und interpretieren.
Und da tritt nun das „Utilisieren“ auf den Plan.
Zum ersten Mal hörte ich den Begriff bei meiner Suggestopädie-Ausbildung. Ich deute einfach ein störendes Ereignis um und mache es nutzbar.
Thematisiere es und bebenne es um. Gebe ihm eine andere Bedeutung.
Beispiele (die auch durchaus schon einen gewissen Humor beinhalten, der einer Entspannung ja auch nicht entgegensteht):
„Und so wie gerade das Poster von der Wand fällt, so kannst du alle Gedanken fallen lassen...“.
„So wie das Auto vorbeifährt, lässt du alle Gedanken vorbeifahren, alles, was dich an der Entspannung hindert...“.
Störendes Telefonklingeln im Büro („Ach, das unterbricht mich gerade wieder mitten in der Arbeit!“) wird zur „Achtsamkeits-Glocke“ a la Thich Nhat Hanh.
Eine aktive und zudem sehr humorvolle Variante lernte ich im Seminar bei Gunther Schmidt kennen – und wende sie seitdem in jedem Seminar begeistert an.
Jedes Mal, wenn ein Handy klingelt, nehmen wir das zum Anlass, einmal tief durchzuatmen. (O-Ton Gunther:“Manche sagen zwar, ich habe letzte Woche schon mal tief geatmet, aber es kann ja nichts schaden, dass hier im Seminar auch ein paar mal zu machen.“)
Wer mag, kann sich dabei auch kurz strecken.
DAS WAR EINFACH WUNDERBAR!
1. Es nahm komplett den Stress vom armen Handy-Ausschalt-Vergesser.
2. Es nahm komplett den Stress aller anderen- sich sonst drüber ärgern müssenden- Teilnehmern.
3. Es tat uns gut bei dem sehr sprechlastigen Seminare, sich mal zu strecken, tief zu atmen und eine Mini-Sekunden-Pause einzulegen.
4. Es zeigte wieder einmal wunderbar, we viel besser uns Humor und Gelassenheit tut, als verbissene Verbote. (Wie viele Trainer zu Seminarbeginn „Regeln“ aufstellen oder erarbeiten lassen und an die Tür schlagen! Handy-aus!)
So lädt uns der kölsche Bühnenköbes zu Beginn von „Escht Kabarett“ immer ein: „Ach ja, und wenn ihr dann nachher wieder geht, vergesst nicht, eure Handys wieder einzuschalten.“ Auch das sorgt immer für entspannte Heiterkeit.
Das krasseste Beispiel erzählte Gunther Schmidt dann noch in dem Seminar:
einmal wurde während eines Hypno-Wochenendes, wo viel mit Entspannung und Trancen gearbeitet wurde, genau in der Wohnung drunter renoviert. Mit Bohrern! Ohrenbetäubend. Und sie waren auch nicht davon abzubringen, es musste an dem Wochenende laufen.
Also haben sie gemeinsam gebrainstormt, wie man das denn utilisieren könnte. Und haben es tatsächlich geschafft mit den aberwitzigsten Deutungen das Dröhnen und Bohren in die Trancen einzubauen.
Überlegen Sie:
Wo und wie können Sie bislang als störend interpretierte Geräusche utilisieren?
Und sich so viele freudige Zusatz-Ereignisse schaffen?
(Ich habe mich wirklich jedes Mal gefreut, wenn ein Handy klingelte, weil ich mich gerne mal ausgiebig strecke und räkele- nur sonst gucken die Menschen dann oft komisch).
Ich bin gespannt auf Ihre Ideen!
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