Wie auf dem Jahrmarkt-Momentaufnahmen aus der Klinik
Meine Blog-Aktivitäten musste ich vorübergehend etwas einstellen. Warum, lesen Sie hier :-).
******************
Durch heftiges Rütteln an meiner Schulter wurde ich wach. Erschreckt fuhr ich hoch, während ich mir die Schlafbrille von den Augen riss.
Neben dem Bett stand ein junger hübscher Knabe, dennoch entfuhr mir als erstes: „Wie rabiat!“
Erst nachher wurde mir klar, dass der arme Kerl sicher vorher auf sanftere Art versucht hatte, mich zu wecken. Aber nicht durch Ohrstöpsel und Schlafbrille dringen konnte, die ich mir entnervt in der Nacht angelegt hatte.
Denn ich war erst ca. 2 Stunden vorher endlich eingeschlafen und befand mich gerade im schönsten Tiefschlaf.
Doch das interessierte niemanden.
Das große Licht war an, um mich herum emsige Geschäftigkeit.
Ehe ich noch richtig bei Bewusstsein war, schob mir von rechts der Knabe ein Fieberthermometer unter die Zunge. Derweil von links eine Schwester kam, die mir den linken Arm abquetschte, um den Blutdruck zu messen.
Rechts dann wieder jemand meinen Puls.
Ich lag noch völlig benommen da, als eine vierte Frau mit gezückter Spritze (diesmal wieder von links) an mein Bett trat. „Wohin möchten Sie die Spritze?“ „Was ist das? Wieder diese Thrombose-Spritze?“ „Ja, Sie können sie in den Bauch oder ins Bein bekommen.“
„Dann versuche ich heute mal das Bein.“ Im Bauch tat es zwar gar nicht so weh, wie ich mit Schauder vermutet hatte, dafür aber nachher immer wieder mal.
Das war allerdings die falsche Entscheidung. Im Bein brannte es höllisch. Autsch!
Aber nun war ich endgültig wach. Nach meiner ersten- und hoffentlich letzten- Nacht im Krankenhaus.
In einem Vierbettzimmer.
Inzwischen wurden mir die Tabletten des Tages gebracht, in so einem Schälchen mit mehreren Kammern, wie ich es aus dem Pflegeheim meines Vaters kannte. Keine nette Assoziation.
Da lag auch so eine dicke Schmerztablette für abends. Da wollte ich aber doch wieder zu Hause sein! Na ja, vielleicht sollte ich sie mitnehmen.
So früh am morgen waren meine Zimmerkolleginnen auch noch nicht sehr gesprächig. Wir guckten dumm vor uns hin, schlurften, humpelten oder rollten dann nach und nach ins Bad.
Meine Bettnachbarin hatte immer Sorge, die Visite zu verpassen. Die normalerweise zwischen 7:30 und 8:00 käme. Normalerweise. Aber nicht heute.
Dabei war ich doch so gespannt!
Ob meine OP gestern glatt gelaufen war. Ob ich heute wieder nach Hause kann. Ob auch diese Zysten in der Kniekehle in einem weggemacht wurden. Oder abgeheilt waren. Wie es jetzt weiter geht mit KG usw. usw.
Aber vor allem: ob ich heute gehen konnte.
Denn noch so eine Nacht wollte ich nicht erleben. Auch nicht noch so einen Tag.
Dabei hatte ich sicher noch Glück.
Alle drei Frauen waren nett und freundlich.
Ich hatte zudem das Glück, die jüngste der Truppe als Bettnachbarin zu haben, mit der ich mir eine Glotze teilte.
Uns gegenüber lagen zwei erheblich ältere Damen mit einem völlig anderen Geschmack. Vor allem die ein schmiss schon früh am Tag die Glotze an. Da sie über meinem Kopf hing, störte es mich nicht.
Bis sie ihr Hörgerät auszog und ihre Kopfhörer so laut stellte, dass alles bin in mein Bett zu verstehen war. Oje!
Da kamen die Ohrstöpsel zum ersten Mal zum Einsatz.
Die anderen waren alle länger da als ich und hatten entsprechend schlimmere Unfälle und Gebrechen. Ich hatte ja fast ein schlechtes Gewissen. Zumindest vor der OP konnte ich auch ohne Krücken laufen.
Was mir schon am ersten Tag sehr schnell klar wurde: erholen kann man sich in so einem Krankenhaus nicht. Es ist ununterbrochen Betrieb, und in einem Vierbettzimmer summiert sich das natürlich.
Wenn ich mal so leicht einnicken wollte, kam prompt wieder jemand rein. Und höflicherweise wurde vorher immer geklopft.
Nun am 2. Morgen hatten wir dann erst einmal Kabarett live.
Ein junger netter (und höchst ansehnlicher) Arzt, der vor 2 Tagen mit mir das Aufnahmegespräch geführt hatte, kam zu Frau B., um ihr Blut abzunehmen.
Sie meinte gleich: “Hoffentlich können Sie dat! Meine Venen sin schlecht zu finge.“
Er lachte noch ganz frohgemut, band den Arm ab, klopfte und stach. Und stach wohl immer wieder. Laute Beschwerde. „Ich habe ihnen doch gesagt, das ist schwer bei mir.“
„Ja, dann müssen wir es an einer anderen Stelle versuchen.“
Als nächstes kam der Handrücken dran. Bei der Vorstellung wurde mir schon übel, da schaute ich gar nicht weiter hin.
Der Dialog ging weiter. „Der sticht und sticht.“ „Ich bin doch noch gar nicht drin. – Sie dürfen nicht immer wegziehen, dann klappt das nicht.“
„Das ist ja schlimmer als in einem Wespennest.“ „Sie haben aber eine Haut wie ein Elefant und total dünne Venen.“
Wir anderen lachten Tränen – obwohl mir Frau B. natürlich auch leid tat.
Auch der andere Arm, in dem schon eine Kanüle steckte, brachte nichts. Zuletzt dann an den Fuß.
„Wie bei einem Junkie!“ war der entsprechende Kommentar von Frau B. Einen solchen hatte sie in der Nacht davor in der Intensiv- Station erlebt, der die ganze Zeit rumgebrüllt und den Tisch durch die Gegend geworfen hätte.
Hier kam die Prozedur dann endlich zu einem Ende.
Frau L. lag mit eingegipstem Bein im Bett. Sie hatte ihre Kämpfe mit der Physiotherapeutin am Vortag schon gehabt. Sie musste sich mit einem Gerät, wo sie die Unterarme auflegt und sich an zwei Griffen festhält, durch den Raum bewegen. Dabei hüpfte sie nur auf dem anderen Bein.
Die Physiotherapeutin ermahnte sie immer wieder: „Sie dürfen sich nicht so nach einer Seite lehnen. Sie müssen sich gerade halten.“ Usw.
„Ich kann aber nicht!“
Nach einer anstrengenden Runde von der rechten auf die linke Bettseite wurde diese Prozedur dann beendet.
Anschließender Kommentar von Frau B. „Sie sind aber schon gut gehoppelt!“
Das wurde dann der Running Gag des Tages. Und am nächsten Tag der Physiotherapeutin gleich übermittelt.
Die begriff dann auch und meinte: „Ach, das ist aber doch schon ein dickes Lob. Wenn Sie mit einem Hasen verglichen werden.“
Das brauchte Frau L. Lob und Anerkennung- wie wir alle!
So ging die Hoppel-Nummer am nächsten Tag schon viel entspannter ab.
Meine Bettnachbarin wurde unter anderem elektrisch mobilisiert. Das Bein auf so ein Gerät bewegt, eingestöpselt- und dann fuhr es rauf und runter. So dass das Bein abwechselnd gestreckt und gebeugt wurde.
Das sah nett aus, wollte ich auch.
Statt dessen lag ich nur rum.
Am 1. Tag sollte ich um 8 Uhr anrücken und saß und lag dann bis 11 Uhr rum, bis mir OP Kittel und Trombosestrumpf gebracht wurden.
Das hat aber noch Zeit…
So 11:45Uhr wurde ich abgeholt und mit dem Bett davon gerollt. Das war lustig, eine völlig neue Perspektive.
Zuerst in einen kleinen Raum, dort vom Bett auf die Liege- das konnte ich ja noch selbst. Dort wurde mir auch noch der OP Kittel entrissen. „Was?? Wo ich doch immer so friere?“ - „Ja, aus hygienischen Gründen.“
Na gut, in Narkose würde ich ja nicht frieren. Es wurden auch 2 Decken über mich gebreitet und um die Schultern noch ein Handtuch.
In die nächste Kammer geschoben, mit einer großen Uhr und Regalen voller Krempel. Ein Anästhesie-Assistent kam und legte mir schon mal eine Kanüle in den Arm und klebte was auf die Brust für die EKG Überprüfung.
Nett fand ich, dass er mir immer erklärte, was er warum machte.
Dann verschwand er durch die Tür in den OP Raum. „Ich komme gleich wieder, schaue mal, wie weit die Kollegen sind.“
Da war es 12 Uhr.
Da lag ich nun, fröstelnd. Der nette Mensch hatte mich aufgeklärt, dass es im OP Raum noch kälter sei. Wie schön.
Ich lag und wartete. Da hörte ich nebenan laute Rufe: „Frau Unruh!“ „Hallo!“ „Margarethe!“ Ich dachte erst, sie sei abgehauen, bis mir klar wurde, dass das der Aufwachraum war. Frau Unruh wollte aber wohl nicht aufwachen. Denn es wiederholte sich unentwegt. „Wir sind fertig!“ – Nix.
Um 12:15 Uhr wurde ich dann reingerollt. Irgendwo wieselten Schwestern rum. Der Assistent legte was an meine Kanüle. Dann tauchte wohl mein Operateur auf, ich erkannte ihn kaum unter Häubchen und Mundschutz. Er strich mir kurz über die Wange (dafür hätte ich ihn schon küssen können), lächelte und meinte „Dann legen wir gleich mal los.“ Und verschwand wieder aus meinem Gesichtsfeld.
Ich bemerkte, dass jemand hinter meinem Kopf rumfuhrwerkte und verdrehte mich, um zu schauen. „Hallo“. Das war der Anästhesist, mit dem ich auch am Vortag gesprochen hatte.
„Wir fangen dann mit der Anästhesie an.“ Er hielt mit zudem noch eine Maske über Nase und Mund. „Das ist nur Sauerstoff.“
„Ich merke aber nichts“, dachte ich und atmete extra langsam und ruhig. „Immer noch nichts.“ Dann wurde mir etwas schummerig. „Ach ja, doch.“- und weg war ich.
Wach wurde ich durch lautes Rufen- oder was auch immer. Keine Erinnerung. Nur, dass ich lieber weiter geschlafen hätte. Aber der junge Mann ließ nicht locker.
Bis ich dann mehr als nur ein Brummen oder einsilbige Antworten von mir gab. Und die Augen aufklappte.
Nun gut, ich könnte dann ja später noch mal weiterschlafen, wenn ich in meinem Zimmer wäre.
Leider war das eine Illusion. Einmal mit Gewalt geweckt, war ich dann wach. Und der Trubel im Zimmer lebhaft wie zuvor. Schwestern, Pfleger, Ärzte, Besucher, ein ständiges Kommen und Gehen.
Später meinte eine Schwester, dass viele das Klasse fänden und besser als in einem Einzelzimmer. Da sei wenigstens was los!
Na danke! Ich konnte mich nicht mal auf meinen leichten Krimi konzentrieren, geschweige denn arbeiten oder sonst was, was ich bei längerem Aufenthalt hier gerne gemacht hätte.
So versuchte ich dann wenigstens etwas zu dösen und mich auszuruhen.
Aber wie ich schon schrieb: zum Ausruhen ist ein Krankenhaus nicht geeignet J.
Aber sie flicken einen zusammen! Versorgen einen! Helfen einem!- und all das ist schon auch gut und dafür bin ich auch dankbar.
*************************
Ein Vormittag
Nach all diesen Untersuchungen von Fieber, Blutdruck, Puls, Blutabnahmen und Spritzen gab es dann Frühstück.
Die Visite kam heute Stunden später als sonst. Wir also alle in Wartehaltung.
Es kamen außerdem unentwegt Schwestern und Pfleger, die was brachten (Essen, Kühlpads, Binden usw.) oder holten oder fragten oder sagten.
Dann kamen diverse Reinigungsfrauen. Die eine wischte hier, die andere putzte da.
Dazwischen die diversen Physiotherapeutinnen. Außer mir bekam jeder da mehrmals am Tag Behandlungen.
Dann tauchte noch eine „grüne Dame“ auf, als gerade mal 5 Minuten Ruhe war. Kein Mensch freute sich, brauchte auch nix, quälte sich durch das aufgezwungene Gespräch. Man wollte ja höflich sein. Und für Menschen, die nie Besuch bekommen und alleine rumliegen ist das ja vielleicht auch hilfreich. Ich weiß es nicht.
Montag, 06-02-12 11:44
Gute Besserung, Zamyat! Ich hab" dich hier vermisst...
Dienstag, 07-02-12 09:19
Hallo Zamyat, auch von mir gute Besserung!!!
>>So 11:45Uhr wurde ich abgeholt und mit dem Bett davon gerollt. Das war lustig, eine völlig neue Perspektive.
Darüber hab ich grad sehr gelacht. :-)