Kritische Selbstbesinnung - Trainer im Stress
Normalerweise schickt man ja als Trainer/in eher Erfolgsmeldungen in die Welt - und ich berichte hier ja auch gerne von schönen Projekten.
So ist unter anderem letzte Woche endlich mein neues Buch "Zauberwelt der Suggestopädie" erschienen, das mir seit Jahren ein großes Anliegen war. Darüber werde ich noch berichten.
Doch die Freude und der Stolz darüber werden leider durch andere Dinge etwas gedämpft- was ich ändern will.
Für viele Trainer ist im Sommer das berühmte Sommerloch, bei mir ist es grad anders rum. Im Juli hatte ich jede Woche Training, eilte von einem zum anderen, war kaum zu Hause.
Auch wenn die Trainings alle erfreulich gut liefen - diese Häufung geht an die Substanz. Seminartätigkeit ist ungeheuer intensiv, ich bin die ganze Zeit auf 150% und wenn dann zwischen den Seminaren keine Zeit ist, den Motor wieder runter zu fahren, dann spürt man das.
Mehr als nur eine Häufung von Terminen
Und das Trainerleben findet ja nicht im luftleeren Raum statt.
Parallel zu den Seminaren läuft der weitere Aufbau der Online- Akademie, wo sich "natürlich" gerade in solchen Zeiten technische Schwierigkeiten auftun.
In meinem Alter kommt dann auch noch das Thema "Krankheit" und "Sterben" dazu. Die Eltern (inzwischen nur noch mein Vater) werden älter und kränker. Wie sich auch noch darum kümmern? Der äußere Druck wächst (unter anderem von Geschwistern), obwohl ich schon bis an die Grenze belastet bin.
Schlimmer erlebe ich aber den inneren Druck (denn Arbeit hat mich noch nie geschreckt). Das schlechte Gewissen (ich müsste mich mehr kümmern), den Ärger (wie soll ich das denn auch noch schaffen), das verzweifelte Ringen um ein wenig Freizeit und Erholung (das ist nun aber wirklich egoistisch!), die Unsicherheit: Wo sollte/ darf ich mich abgrenzen, wo muss ich Abstriche machen usw.
Da ich denke, dass ich mit diesem Thema nicht alleine stehe, frage ich die Leser dieses Blogs:
Kennen Sie ähnliche Situationen? Wie gehen Sie damit um?
Vielleicht können wir uns ja gegenseitig unter die Arme greifen :-).
Donnerstag, 05-08-10 10:09
Hallo Zamyat, ich kenne dieses "Hin und Her" der Ansprüche, Gefühle, des Alltags auch.
Mir gehen, während ich darüber nachdenke, 2 Gedanken durch den Kopf:
1. Eine frühere Bekannte-Freundin von mir, die noch jünger ist als ich, ist seit einem halben Jahr schwer an Krebs erkrankt. Sie hatte sich nach der OP und Reha gerade wieder hochgerappelt. Dann erfährt sie, dass sie Metastasen hat, wieder alles von vorne, incl. Chemo. Und was tut sie? Sie sagt: "Nimm Dir Zeit für die schönen Dinge und Momente des Lebens und für die Menschen, die Dich auf Deinem Lebensweg begleiten. Das ist alles nicht mit Geld aufzuwiegen. Und das geht manchmal im Alltagstrott unter". Deutlicher geht es nicht, was wir daraus an Erkenntnissen ziehen können.
Sandra fährt demnächst mit ihrer Oma auf eine Wochenendbustour, auch in dem Wissen, dass die Oma bald nicht mehr da ist. Ich glaube, dass in dem Nachdenken und Nachspüren über die Endlichkeit des Lebens eine Kraft entsteht, sich mit solchen Situationen auseinander zu setzen.Bestimmte Momente mit unserer Familie, bzw. Wahlfamilie sind unendlich kostbar. Dazu gehöret weit mehr als Besuche, damit meine ich auch, Liebe zu geben, ohne den erwarteten Verpflichtungen nach zu kommen. Meine über 70 jährige Mutter skypt mir mir, mein Vater ist mit 89 immer noch per Email und Internet unterwegs.
2. Sandra und ich haben einen guten Weg mit der Arbeitszeit gefunden. Wir halten einmal jährlich eine Klausurtagung ab, dort gehen wir wesentliche Themengebiete unseres Unternehmens an. So auch wieder das Thema Arbeitszeit. Und die derzeitige Variante hilft uns, die Balance zwischen Arbeits- udn Freizeit zu halten.
Wir sammeln, auf ein Arbeitsjahr: unsere Ferienwochen (hab ja auch ne Tochter!), die Schreibwochen, die Messewochen, die Weiterbildungswochen,.. Dann gehen wir an die Woche heran: Trainingstage, Büro- und Akquisetage, Aufräum und Co-Tage. Oft haben wir Aufträge ja auch am Wochenende. Daraus ergeben sich dann mit dem Wunscheinkommen zusammen eine klare Menge an Trainingstagen, bzw. Buchprojekten.
Und wenn wir merken, wir geraten aus der Balance, dann suchen wir im Alltag Inseln. Das sind auch schon ganz profane Dinge wie Sport, Spaziergang oder Inlinern. Und manchmal gerät auch das durcheinander, weil das eine oder andere eben doch nicht so klappt, wie geplant. Das zeigt gerade unser Büroneubau.
Ich bin gespannt, was ich hier in Deinem Blog noch an Ideen und Gedanken dazu lesen kann. Liebe Grüße zu Dir, Zamyat, Barbara
Dienstag, 10-08-10 06:26
Guten Morgen, Zamyat,
habe mit sehr großem Interesse Deinen Blog gelesen und erkenne gewisse Strukturen auch bei mir wieder:
Thema "Krankheit" und "Sterben"
Hier bin ich glücklicherweise bisher noch verschont geblieben, meine Eltern sind noch fit und können sich alleine versorgen, aber an Geschichten wie der Deinen sehe ich, dass auch dieses Problem bald auf mich zukommen könnte.
Mein Bruder wohnt zwar in der Nähe der Eltern, doch werden ihn Haus, Kinder und Job kaum viel Zeit in die elterliche Pflege stecken lassen. Ich als Freiberufler werde hier auch an meine Grenzen stoßen.
Wenn die Generation unserer Eltern noch aufgewachsen ist mit dem Bewußtsein, in der Großfamilie alt zu werden und gepflegt zu werden, dann hat sich hier einiges verändert, was mittlerweile auch meinen Eltern klar geworden ist. Es gibt die wunderbare Einrichtung von Pflegeheimen, wo alte Menschen sicherlich besser aufgehoben sind als alleine im häuslichen Umfeld dahinzuvegetieren (habe das bei meiner Schwiegermutter lange mitbekommen, bis sie sich endlich bereit erklärt hat, in ein Heim zu gehen ... und ad hoc ging es ihr deutlich besser).
"Schlimmer erlebe ich aber den inneren Druck. Das schlechte Gewissen (ich müsste mich mehr kümmern), den Ärger (wie soll ich das denn auch noch schaffen), das verzweifelte Ringen um ein wenig Freizeit und Erholung (das ist nun aber wirklich egoistisch!), die Unsicherheit: Wo sollte/ darf ich mich abgrenzen, wo muss ich Abstriche machen usw. "
Auch hier kann ich mitfühlen, da es der Struktur meines Vaters entsprach, über Schuldzuweisung seinen Willen zu erreichen.
Die Abgrenzung ging hier nur über einen langen Abnabelungsprozess, der es sogar mit sich brachte, meine Eltern über einen langen Zeitraum nicht zu sehen. Und trotz Weiterentwicklung besteht noch immer die Gefahr, in alten Verhaltens- und Kommunikationsmustern stecken zu bleiben. Lange habe ich auf eine Änderung bei ihm gehofft, aber vielleicht stimmt es wirklich, dass man einen alten Baum nicht mehr verpflanzen kann. :-)
Zum Thema Schuld habe ich noch etwas gefunden:
Auf der indonesischen Insel Borneo gab es einen Volksstamm, der manchmal ein Boot mit seiner Schuld belud. Das Boot wurde ohne Ruderer in die Strömung des offenen Meeres hinausgestoßen, damit es dort untergehen sollte. Die Menschen hofften und vertrauten, daß es eine Vergebung gibt. Um dieses Wegnehmen der Schuld zu erlangen, opferten sie etwas Kostbares: das mühsam von ihnen gebaute Boot, das ihnen sonst zum täglichen Fischfang, also für der täglichen Ernährung diente. Eher wollten sie nichts zu essen haben, als ein schuldbeladenes Herz zu behalten.
Unbekannt
Oder:
Male Dir doch ein gelbes Verkehrsschild, auf dem steht: Schuld abladen, verboten! - Das zeige dem jeweiligen Menschen mit einem kecken Lächeln immer dann, wenn es beginnt, bei Dir zu nagen.
Lieben Gruß,
Marcus