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TAO- Ein Seminar, das alles über den Haufen wirft

Mit diesem Beitrag versuche ich etwas Unmögliches: etwas zu beschreiben, das ich nicht beschreiben kann. Doch da ich dieses Seminar so beeindruckend fand, wage ich mich dennoch daran.

Vor vielen Jahren habe ich das Seminar TETA 1 bei Christo Quiske in der Grube Louise im Westerwald besucht. Selbst seit 30 Jahren Trainerin, die hunderte von Fortbildungen in ihrem Leben besucht hat, bin ich nicht so schnell zu beeindrucken.

Dieses Seminar hatte mich nicht nur immens beeindruckt, sondern es war eins der wenigen, wo ich tatsächlich jahrelang Wirkung spürte. Mich immer wieder an eine Thematik oder Situation erinnerte- und mich auch tatsächlich anders verhielt. 

Das wird ja Trainings und Seminaren oft vorgeworfen: dass sie bestenfalls den Teilnehmern Spaß machen und auch zu neuen Erkenntnissen verhelfen, aber im folgenden Alltag sich nicht wirklich viel verändert. Das bezieht sich natürlich vor allem auf Seminare, die Verhaltensänderung zum Inhalt haben.

Bei meinen Themen „Kreative Seminarmethoden“ oder „Kreativitätstechniken“ sehe ich das etwas anders. Da bekommen die Teilnehmern konkretes Handwerkszeug, das sie unmittelbar in ihrer Arbeit einsetzen und umsetzen können.

Nun also zum TAO- Seminar bzw. vorher noch einen Schwenk zum TETA- Seminar. Das war ein Seminar für Führungskräfte, in dem es um die Themen Selbstverantwortung, Wahlfreiheit, Commitment, Einsatz, Kreativität, Win Win etc. ging. Die Themen sind nicht so ungewöhnlich, die Inhalte und das, was dort im Seminar passierte durchaus.

Christo schafft es in seinen Vorträgen so anschaulich und lebendig zu erzählen, dass selbst ich, die ich Vorträge normalerweise nicht mag, gebannt lausche – und eine Menge verstehe, und wieder erkenne. Dazu kommen konkrete Arbeiten in Gruppen, in denen wir Erfahrungen auf einer anderen Ebene machen, die eindrücklich sind.

Beim TAO- Seminar waren es dann Experimente, die uns höchst abstrakte Weisheiten auf einer ganz konkreten Ebene verdeutlichen sollten. Ich war entzückt von der Schlichtheit und Genialität der Ideen, die für mich als Kinästhetin lebenswichtig waren, um überhaupt irgendetwas verstehen zu können.

TAO- wird oft übersetzt mit „Fluss des Lebens“. Sich dem Fluss des Lebens hingeben. Nicht in den Widerstand gehen mit dem, was ist.

Das allein ist ja schon kaum nachvollziehbar, ich kenne auch niemanden, der es kann oder umsetzt. Einige, die drüber reden. Einige, die es sich einbilden und mit New Age Reden sich die Wirklichkeit so zurechtrücken.

Was dieses Seminar nun ausmachte:

es zerschlug im Grunde alle Konzepte, alles, was mir lieb und teuer war- und ist. Es ging eben nicht darum, hier und da etwas zu verbessern, meine Ziele oder Visionen noch besser zu erreichen oder was immer mich normalerweise bewegt.

Es geht darum zu erkennen, was wir wirklich sind. Nicht wer, sondern was.

Unser Ich- Konzept als einengenden Tunnel- oder Röhrenblick zu erkennen. Und ob ich in dieser Röhre nun positiv oder negativ denke, ist im Grunde einerlei. Wobei sich das positive natürlich netter anfühlt. Aber es findet in der Röhre statt, in einer eingeschränkten Welt, die nicht die Realität sondern mein Konzept vom Leben ist.

Dieses vorgestellte Ich gibt es nicht. Ich bin nicht meine Gedanken, meine Gefühle, meine Sehnsüchte und Ziele. Das sagen auch die Buddhisten- wo ich es auch schon nie verstanden habe.

Anders formuliert: ich bin mehr als meine Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen, Handlungen. Die Gedanken, Gefühle etc. verändern sich permanent, sie sind nicht das, was mich wirklich ausmacht.

Es gibt da aber eine Kraft, eine reine Bewusstheit, die unveränderlich und immer da ist, zeitlos und formlos.

Auch diese Formulierungen kenne ich aus buddhistischen Texten oder Sutras- aber verstehen??

Und diese reine Bewusstheit oder Gegenwärtigkeit kann diese Gedanken, Gefühle etc. quasi von außen beobachten, identifiziert sich aber nicht damit.

Eine hilfreiche Metapher ist die Geschichte vom Weihnachtsmann. Ich glaube längst nicht mehr daran, weiß, dass Onkel Hugo im Kostüm steckt, aber meinen Kindern zuliebe spiele ich diese Nummer mit. Es ist ein nettes Spiel- aber nicht die Realität.

Im Alltag sorgen wir uns aber ständig darum, wie der Weihnachtsmann seine Pakete am besten zu den Kindern bekommt. Obwohl es ihn ja gar nicht gibt.

Wir identifizieren uns mit unseren Geschichten, die wir uns ständig erzählen.

Grundthese:

Wir leiden nicht an Menschen und Ereignissen, sondern an unseren Geschichten, die wir uns darüber erzählen (und die bestimmte Gedanken, Gefühle etc. beinhalten), an unseren Konzepten.

Das „leiden“ kann ich auch durch „erfreuen“ ersetzen.

Wenn wir diese Geschichten als das entlarven, was sie sind, nämlich Geschichten, führt das zu einer Entspannung, letztendlich zu Frieden.

Jeder Mensch hat bzw. ist diese reine Gegenwärtigkeit, in der keine Sorge vor der Zukunft und keine Trauer über die Vergangenheit herrschen.

Wir erleben es manchmal für kurze Zeit, beispielsweise in Flow- Zuständen, diese Selbst- Vergessenheit (ein schönes Wort), wo wir eins sind mit unserem Tun, ganz darin aufgehen, uns hingeben. Das sind glückselige Momente. Und Fingerzeige auf diese andere, wirkliche Realität, die uns ausmacht.

Doch schwupps, sitzen wir wieder in der Röhre, engen unsere Sicht ein und leiden vertraut vor uns hin. Und beschweren uns und verbessern hier eine Ecke und da etwas.

Zusammenfassung 

Wir haben die drei Tage in einem Forschungslabor zugebracht. Das Experiment ging um die Frage: „Was bin ich wirklich?“

Nicht: „WER bin ich?“ Denn das „wer“ beinhaltet schon wieder ein Ich- Konzept. Dieses „Ich“ existiert nicht.

Zu Beginn äußerte Christo provokativ: „Dieses Seminar ist das Ende aller Suche.“
Klasse! Gerade für Menschen wie ich, die in jahrelanger „Arbeit“ an ihrer Persönlichkeitsentwicklung gearbeitet haben, erst in Therapien und Therapieausbildungen, dann auf dem „spirituellen Weg“. Alles für die Katz?

Letztendlich ja. Denn das, was wir suchen, ist immer schon da!

Auch das habe ich schon in meiner Yogalehrer – Ausbildung gehört und in schlauen Büchern gelesen.

Dieses Seminar hat nun tatsächlich dazu geführt, dass die Ahnung, was eigentlich damit gemeint ist, näher rückte, deutlicher wurde, Momente des Verstehens eintraten.
Das Fatale und Verzwickte ist ja, dass ich mit diesem nicht vorhandenen ICH versuche, die Ich- Losigkeit zu begreifen. Ein Unding.

Daher waren die konkreten Experimente mit Röhren und Seifenblasen und anderen Metaphern ungeheuer hilfreich für mich. Da konnte ich erfahren, was gemeint war- und es auf einer Ebene verstehen, die nicht nur durch Worte ausgedrückt wird.

Hinter oder unter diesem ICH- Konzept gibt es etwas, das formlos und zeitlos ist, immer existiert, unverändert- und worin sich die Dramen oder Spiele des Lebens abspielen. Die wiederum in ständiger Veränderung begriffen sind.

Bei Kindern kann man es noch viel deutlicher sehen. In einer Sekunde sind sie voller Schmerz und vergießen dicke Tränen, in der nächsten Minute sehen sie etwas anderes, sind vollkommen abgelenkt, haben den Schmerz sofort vergessen und freuen sich an einem Käfer.

Gleichzeitig kann man an ihnen auch noch viel häufiger diese Momente von Selbstvergessenheit erleben. Sie sind total versunken im Spiel – und machen sich keine Gedanken darüber, ob sie in zwei Stunden Hunger haben und etwas zu essen bekommen. Sie sind eins mit dem, was sie tun.

In unserem klaren, zeitlosen Bewusstsein erscheinen dauernd die Gedanken, Gefühle etc., die ich aus dieser Perspektive wahrnehmen kann- und vergehen wieder.

Die Frage unseres Labors:

Wer bin ich ohne mein Ich- Konzept, ohne meine Röhren?

Wenn ich die Röhren sinken lasse, bin ich in meinem natürlichen Zustand, in reiner Präsenz. Er ist immer da!

Wenn ich dieses ICH in Frage stelle, schlachte ich die Heilige Kuh des Abendlandes. Was habe ich nicht alles investiert, um dieses Ich zu stärken und aufzubauen?

Heißt das nun, dass ich nichts mehr tue?

Ein Vorschlag war: Ich gebe mein Bestes- und ich habe nichts unter Kontrolle!

Vor allem weiß ich, dass es ein Spiel in der Röhre ist. Ich spiele mit, habe meinen Spaß daran, nehme es aber nicht mehr so ernst, bin nicht vollkommen identifiziert. Erkenne die Dramen eher als das, was sie sind, und kann leichter wieder aussteigen.

Klingt doch ganz schön – oder? Nach dem ersten Erschrecken...

 

5 Antworten “TAO- Ein Seminar, das alles über den Haufen wirft”

  1. Marianne schrieb:

    Liebe Zamyat,

    was für ein wunderbarer Text über das, was sich eigentlich nicht beschreiben lässt! Vielen Dank, mir ging es lange, lange genauso. Gelesen, viel gelesen und nicht/s verstanden. Die Sache mit dem Ich, das es eigentlich gar nicht geben soll. Bis man mir es mit Deiner Formulierung näherbrachte: "ich bin mehr als meine Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen, Handlungen". Es gibt etwas Größeres dahinter, davor, drumrum. Du redest von Röhre, mir hilft die Vorstellung von einem Gefäß mit Inhalten. Bisher ging es fast nur darum, möglichst nette Inhalte reinzupacken und/oder die hässlich-schlimmen rauszuwerfen. Wird auch in vielen Eso-/Spiri-Kreisen so dargestellt. Für möglichst heilige/nützliche/erfolgreiche Inhalte sorgen. Und da kann man sich schon mal ein paar Jahrzehnte verlaufen. Noch einmal danke für Deinen Text mit der Erinnerung an das Wesentliche!

    Marianne

  2. Zamyat M. Klein schrieb:

    Wunderbar, liebe Marianne, du bringst es noch einmal auf den Punkt! Das ist dann sozusagen die Doppel-Falle, das man das auch noch eso- spiri-mäßig verpackt- und dennoch gefangen bleibt.

    Ich wünsche uns viele Röhren- freie Zeiten :-).

  3. Beatrice schrieb:

    Liebe Zamyat,
    habe Deinen Text ganz faszniert gleich 2 x hintereinander gelesen und mir auch gleich ein paar Notizen zum Weiterdenken gemacht.
    Mußte dabei spontan an Huna denken: Segne die Gegenwart.
    Erwarte das Beste. Vertraue auf Dich selbst.
    Vielen herzlichen Dank für die anregenden Gedanken und auch für die immer wieder inspiriernden Tipps in Deinem Newsletter. Herzliche Grüße aus dem verschneiten Wien Beatrice

  4. Angelika Heinrich schrieb:

    Hallo Zamyat,

    Dein Seminarbericht hat mich sehr berührt. Ich bin wie Du Trainerin, Coach und Therapeutin und wohl gerade am gleichen Erkenntnispunkt. Ich ahne zunehmend: Was ist, ist. Alles was wir denken und fühlen ist unser zugefügter Beitrag zum Leben. Da gibt es je nach Konditionierung glückliche und unglückliche Träume. Und natürlich mögen wir die glücklichen lieber. Aber auch sie sind nur eine Tunnelvision. Was ich deswegen immer mehr lernen möchte ist, mich einfach in das hinein zu weiten und hinein zu entspannen was ist und alles trägt und umhüllt und durchwirkt. Wenn ich in diesem Zustand bin, gibt es mich tatsächlich nicht mehr und mein privates und berufliches Leben ist sehr einfach und schlicht und lebendig und klar und stressfrei. Und das Tolle ist: Dieser Zustand ist immer da. Nur ich bzw. meine Illusion eines Ichs mit seinen persönlichen Träumen und Geschichten steht dem oft im Weg. Dann heisst es sich er-innern. Und so ein Er-innerungs-Wecker bist gerade Du mit Deinem wertvollen Beitrag für mich gewesen.

    Liebe kollegiale Grüße und ein herzliches Dankeschön für Deinen fröhlichen, inspirierenden Blog

    Angelika Heinrich

  5. Zamyat M. Klein schrieb:

    @ Beatrice @ Angelika

    Schön, dass Ihr mit dem Beitrag etwas anfangen konntet, ist ja schon sehr speziell. Und ich merke auch, wie mir jetzt Wochen später so das eine oder andere wieder entschwindet- aber auch das ist ja in Ordnung :-). Es ist alles da- immer...

    "verschneites Wien" - wie furchtbar, ich friere schon beim Lesen (bin ja der totale Sommer- und Sonnen- Freak).

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