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Was haben Tango, Türkei und Reinkarnation miteinander zu tun?

Gestern habe ich im Kölner Ludwig Museum einen Film gesehen, der mich sehr berührt hat. "Zwei halbe Leben sind kein Ganzes" von Servet Ahmet Golbol.

Ich hatte die Vorankündigung nur überflogen und die zwei Stichworte „Türkei“ und „Reinkarnation“ hatten ausgereicht, um mich höchst neugierig zu machen.
Denn im traditionellen Islam hat Reinkarnation genau so wenig Platz wie im Christentum. Diesen Begriff kannte ich eher aus dem Buddhismus und Hinduismus.

Und warum vorher und nachher eine Tango- Gruppe Musik spielte, hatte ich auch nicht verstanden- aber warum nicht…

Flüchtiges Lesen hat ja so seine Nachteile: ich war über eine halbe Stunde zu früh da. Nichts ahnend tapperte ich in den leeren Saal und wunderte mich, wieso da Musiker auf der Bühne standen und probten, fand das Ganze aber schon äußerst spannend. Eine Harfe, ein Bass und ein Akkordeon. Und der vermeintliche Regisseur, der erst in den Reihen saß und Kommentare gab, ging plötzlich auf die Bühne und spielte Saxophon.

Richtig, der Regisseur des Films ist ja Türke…

So setzte ich mich noch einmal raus in die Sonne und kam mit einer Frau ins Gespräch. Sie war vor allem wegen der Gruppe „Quadro Nuevo“ da, deren Musik sie sehr schätzt. Aha. Tango interessierte mich eigentlich nicht soo, ich liebe mehr orientalische Musik.

Aber immerhin erfuhr ich jetzt, wieso diese Gruppe vor und nach dem Film auftreten sollte: sie hatten die Filmmusik komponiert und gespielt – in Antakya, wo der Film gedreht wurde.

Doch wir sollten beide auf unsere Kosten kommen.

Sie können weiter unten die offizielle Inhaltsbeschreibung lesen, daher füge ich hier nur einige persönliche Eindrücke und Ergänzungen an.

Nach dem Film konnten dem Regisseur persönlich noch Fragen gestellt werden und so erfuhr ich noch einiges mehr.

Es ging ihm bei dem Film nicht um eine spirituelle oder religiöse Ausrichtung oder Aussage, wie das Thema Reinkarnation erst einmal nahe legt. Ihm ging es darum die „reinen Fakten“ zu dokumentieren, die Realität, wie sie sich für diese Kinder und ihre Familien darstellt. Ob er selbst oder das Umfeld der Kinder an diese Reinkarnation glaubt oder nicht, spielt dabei eine geringe Rolle. Das bleibt auch dem Zuschauer überlassen.

Tatsache ist, dass es in der Region Antakya (dem alten Antiochia) sehr viele solcher Fälle gibt. Die Filmemacher bekamen Konktakt mit einzelnen über einen amerikanischen Forscher, der für seine Universität jahrelang an einer solchen Studie arbeitete und eine Liste mit diesen Fällen hatte. Ein „Scout“ vermittelte so die Kontakte und es ging eine lange „Beziehungsarbeit“ voraus, ehe sich einige Familien und Betroffene bereit erklärten, sich filmen zu lassen.

Es wird ziemlich deutlich, dass es nicht einfach für die Betroffenen ist, weder für die Kinder selber noch für die Familien und Freunde. Sie wollen damit auch nicht „angeben“ oder es sonst wie ausschlachten.

Antakya ist ein Ort, wo diese Kinder aber so sein können, ohne dass sie gleich in eine Psychiatrie eingewiesen würden. Wo es zumindest als möglich gesehen wird, dass es so etwas gibt.

Einen Grund dafür sieht der Regisseur in dem toleranten Klima, das in dieser Stadt herrscht, wo auch die verschiedenen Religionen friedlich nebeneinander leben, wo sogar die einzige armenische Gemeinschaft in Frieden leben kann. Man sieht die Vertreter der Sunniten und Aleviten, einen christlichen Priester und einen Rabbi beim gemeinsamen Essen und einer Diskussion über das Thema Reinkarnation.

Das ist für mich sehr hoffnungsvoll: zu sehen, dass so etwas doch möglich ist.

Und sämtliche Klischees werden gleich mit zerrüttelt: für mich wirkt es fast komisch, auf jeden Fall sehr fremd, wenn aus dem Mund eines christlichen orthodoxen Popen arabische Worte kommen und der christliche Priester, mit Goldrandbrille und kurzen hellen Haaren türkisch spricht. Ich merke, wie das bei mir mit bestimmten Sprachen verknüpft ist: russisch oder griechisch orthodox, deutsche Christen. Und die Aleviten mit ihren langen Bärten und komischen Hüten könnten auch aus Bayern oder von einer Alm kommen.

Mein Filmerleben

Der Film hat mich sehr berührt. Anfangs muss man erst einmal durchblicken: wieso erzählt dieses Kind von seiner Frau und Kindern, die alle älter sind als er? Alle Kinder und Jugendliche, die im Film genauer gezeigt wurden, waren in ihrem vorherigen Leben relativ jung gestorben. Kurz nach der Hochzeit, durch einen Verkehrs-Unfall, beim Fischen ertrunken, durch eine eingestürzte Mauer erschlagen.

Zuerst erlebt man die Verwirrung und die Not, vor allem auch bei den jeweiligen ersten und zweiten Eltern. Welche sind nun die richtigen?

Dann gibt es auch Sequenzen, die total komisch sind und wo wir Zuschauer mal befreiend lachen konnten. Eine Mutter schildert auf köstliche Art, wie seltsam sich ihre dreijährige Tochter aufgeführt hat. „Ich habe sie nicht krabbeln oder aufstehen erlebt. Plötzlich nimmt sie den Besen und fegt die Küche.“

Die „Kleinen“ benehmen sich teilweise seltsam erwachsen, sprechen auch anders.

Bei den Kontakten mit der früheren Familie kennen sie alles und jeden. Sie führen zum Haus, sie kennen alle ihre Gegenstände und die Namen aller Familienmitglieder und Verwandten.

Das ist mehr als beispielsweise bei den „Tests“ mit tibetischen Lamas abläuft. Dort werden den kleinen Wiedergeburten verschiedene Gegenstände vorgelegt, beispielsweise 5 Malas und 5 Brillen und sie müssen die richtige auswählen.

Hier ging ein Junge durchs Haus und sammelte alles in eine große Tasche. „Das gehört mir und das und das.“ Und alles stimmte.

Fast grotesk wird es dann, wenn einer eine noch offene (Strom-) Rechnung aus seinem führen Leben begleichen lässt. Aber das sehen Sie sich besser selbst im Trailer an.

Wunderschön die Musik zum Film. Die Gruppe Quadro Nuevo versteht es wirklich, orientalische Elemente in ihre Musik zu integrieren, die dem Film noch eine ganz besondere Note gibt. Hierdurch wurde mir noch einmal bewusst, wie entscheidend Filmmusik zum Gesamtwerk beiträgt.

Der Regisseur zieht eine Parallele zu seiner eigenen Identitätssuche zwischen Türkei und Deutschland. Antakya ist seine Geburtstadt, aufgewachsen ist er in Deutschland. Muss er sich überhaupt entscheiden? Kann er nicht Türke und Deutscher, sogar auch noch Araber sein? In Antakya scheint es möglich, er wird liebvoll von seinen Verwandten begrüßt.

Zum Inhalt

Deutsch-Türkischer Dokumentarfilm: ZWEI HALBE LEBEN SIND KEIN GANZES in Anwesenheit des Regisseurs Servet Ahmet Golbol und der Produzentin Nathalie Arnegger.

(Länge: 101 min., "Prädikat wertvoll")
Homepage

 Der 18-jährige Özer lebt in Antakya und erinnert sich daran, schon einmal als Elektriker gearbeitet zu haben. Heute wäre er 39 Jahre alt und hätte eine Familie, wäre da nicht eine Mauer über ihm zusammengestürzt, die ihn unter sich begrub.

Cansu ist 11 Jahre alt und darf heutzutage ihre Kinder aus ihrem Leben als „Lulu“ nicht besuchen, da ihre Schwiegermutter aus dem vorangegangenen Leben jeglichen Kontakt unterbindet. Das will ihr nicht in den Kopf.

In „Zwei halbe Leben sind kein Ganzes“ des deutsch-türkischen Regisseurs Servet Ahmet Golbol geht es um Reinkarnation. Der Autor und Filmemacher stammt selbst aus Antakya und porträtiert mit viel Einfühlungsvermögen vier Kinder und Jugendliche, die behaupten, schon einmal gelebt zu haben. Als Sohn türkischer Migranten, die in den 70ern nach Deutschland gekommen sind stellt er auch Fragen an seine eigene Geschichte. Auch er hat zwei unterschiedliche Leben, zwei Kulturen in sich zu vereinen.

Rat suchend wendet er sich an die religiösen Oberhäupter der Stadt. Er spricht mit dem Patriarchen der Orthodoxen Kirche Antakyas, mit dem Imam der Sunnitischen Habib Neccar Moschee, dem Jüdischen Gemeindevorstand und mit einem der angesehensten Alevitischen Scheichs. Antakya spielt somit die Nebenrolle als friedlicher, magischer Ort, der durch seine Toleranz und Religionsvielfalt eng mit den Schicksalen der Kinder verbunden zu sein scheint.

Quadro Nuevo hat die Filmmusik zu ZWEI HALBE LEBEN SIND KEIN GANZES von Servet Ahmet Golbol komponiert.
Homepage-
Ihre Filmmusik- CD: Antakya

Die Band wurde 1996 gegründet und gab seither über 1500 Konzerte quer durch Europa. Längst hat das Instrumental-Quartett zu einer ganz eigenen Form der Tonpoesie gefunden, die sich den Genre-Schubladen entzieht. Ihr Geheimnis ist Hingabe. Selten hat man erlebt, dass Musik mit so viel Spannung, Verve, fast zärtlicher Liebe zum Instrument und Einfühlungsvermögen in fremde Kulturen dargeboten wird. Das Quartett spielte bisher auf zahlreichen renommierten Festivals wie etwa dem Montreal Jazz Festival, der Internationalen Jazzwoche Burghausen, dem Rheingau Musikfestival, den Meraner Musikwochen, den Jazztagen Saalfelden oder dem Quebec-Festival. Alle bisherigen CDs von Quadro Nuevo erhielten jeweils den Deutschen Jazz Award, kletterten in die Top Ten der Jazz- und Weltmusik-Charts und sie erhielten in Paris vier Mal den Europäischen Impala.

5 Antworten “Was haben Tango, Türkei und Reinkarnation miteinander zu tun?”

  1. Harald schrieb:

    Liebe Zamyat,
    jetzt komme ich Deiner Gebrauchsanleitung für den Blog mal nach. Danke für die geduldige Einführung.
    Dein Filmerlebnis ist ja sehr interessant. Persönlich habe ich so etwas noch nicht erlebt. Du?
    Natürlich kann es sein, daß andere Menschen andere Dinge erleben, und zumindest ist durch deinen Bericht die Aufmerksamkeit verändert, falls mir mal so was begegnen sollte. Schade, daß ich den Film und das Gespräch mit dem Regisseur verpasst habe, die Ankündigungsmail hatte ich ja erhalten.
    Herzliche Grüße
    Harald

  2. Annja Weinberger schrieb:

    Liebe Zamyat,

    Antakya ist ja gleich nördlich von Syrien. Hier im Ursprungsland der drei monotheistischen Religionen liegt auch alles so nah beieinander.

    Das hat mein Interesse am Alten und Neuen Testament sehr geweckt. Ja, es gibt alles: arabisch sprechende Christen, orthodox oder syrisch-katholisch, Drusen, Sunniten, Schiiten und eben die Alawitten, die an Reinkarnation glauben. Der Präsident hier ist ja Alawitt. Es wird aber nie über diese Relgionsrichtung gesprochen.

    Ist schon faszinierend diese Vielfalt. Schön, dass in Antakya Reinkarnation offenbar akzeptiert wird. Ich lebe ja zurzeit in Damaskus und habe festgestellt, dass zumindest an der Oberfläche absolute Toleranz gegenüber den verschiedenen Religionen und Untergruppen besteht. Ich höre aber auch immer wieder von Spannungen. Schwer zu beurteilen. Viel wichtiger als Religion scheint auch hier das wirtschaftliche Überleben zu werden.

    Schön, dass es offenbar noch andere Tendenzen gibt.

    Ich halte den Glauben an Reinkarnation für durchaus vernünftig. Nach dem Motto: Wieso soll ich mir das Leben nach dem Tod schrecklich vorstellen. Ich weiß es ja eh nicht, also entscheide ich mich doch dafür, mir etwas Positives vorzustellen. Kann mich aber nicht immer von dieser vernünftigen Einstellung überzeugen.

    Grüße aus der syrischen Hitze,
    Annja

  3. Zamyat M. Klein schrieb:

    Liebe Annja,

    wie schön, von Dir zu hören bzw. lesen. Über Hitze kann ich ja nur neidisch sein, verregneter und grauer Sonntag hier..
    Und das ist doch schon mal was, wenn zumindest oberflächlich Toleranz zwischen den Religionen gezeigt wird.

    Alles Liebe
    Zamyat

  4. Heide schrieb:

    Liebe Zamyat, danke dir für den Hinweis auf diesen spannenden Film, werde gleich mal recherchieren, ob es den auch hier in Düsseldorf irgendwann zu sehen gibt. Quadro Nuevo kenne und liebe ich schon lange und freue mich immer auf Neuveröffentlichungen - ein Grund mehr, sich den Film anzusehen und -zuhören.

  5. Zamyat M. Klein schrieb:

    O wie schön, dass du die Gruppe kennst. Ich habe ja die nächsten Termine eingestellt. Ansonsten bitte doch die Produzentin, dass sie dich über aktuelle Termine informiert. Wenn du oben auf den Link klickst, kommst du auf Ihre Webseite mit E-Mail und Telefon.

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