Geduld- eine Tugend?
Neulich schickte ich spontan einen „tweet“ bei Twitter los, dass ich so ungeduldig bin und schlecht warten kann.
Daraufhin bekam ich gleich mehrere Antworten von anderen, für die das offensichtlich auch ein Thema ist.
Ich habe auch schon gelesen, dass viele Menschen, wenn sie nach ihren Schwächen gefragt werden „Ungeduld“ angeben, aber im Stillen das eigentlich als Tugend ansehen, da es ja auf eine dynamische Persönlichkeit schließen lässt.
Ganz gleich, wie man es bewertet, das Ergebnis bleibt das gleiche (negative)- für andere und für einen selbst.
Wirkung auf andere
1. Man geht anderen meist auf die Nerven, wenn man ungeduldig ist. Im beruflichen Kontakt zeigt es auch nicht gerade Professionalität, wenn man ungeduldig mit langsamen Kunden ist oder ungeduldig auf Teilnehmer im Seminar reagiert usw.
Es ist nicht sympathisch, wenn man gereizt reagiert oder andere antreibt. Hingegen bewundern wir fast alle Menschen, die in jeder Situation souverän und gelassen bleiben, denn das zeugt von wirklicher Stärke.
Wirkung auf einen selbst
2. Worum es mir jetzt aber hier vor allem geht: es tut einem selbst auch nicht gut!
Bei mir ist Ungeduld auch oft mit Ärger verbunden. Wieso geht das nicht schneller? Wieso dauert das so lange, bis der zurück ruft? Wieso bringt der Kellner nicht schneller das Essen (ich habe Hunger) oder die Rechung (ich will weg)?
Ich fühle mich dann oft persönlich angegriffen, missachtet, meine Bedürfnisse nicht ernst genommen. Es hängt offensichtlich gleich ein riesiger Batzen daran, der mit der eigentlichen Situation überhaupt nichts zu tun hat, sondern mit meiner Sicht der Dinge.
Was ist das eigentlich, was einen ungeduldig macht?
1- Ist es die Zeit, die es beispielsweise kostet zu warten?
2- Ist es ein Machtanspruch: Alle müssen so spuren, wie ich es will?
3- Ist es die Gier nach dem Ergebnis?
4- Ist es das Gefühl der Ohnmacht?
Dem ersten Beispiel liegt beispielsweise eine Bewertung von Zeit zugrunde:
Zeit mit Warten zu verbringen ist verschwendete Zeit.
Ich will selbst entscheiden, womit ich meine Zeit verbringe. Wenn ich arbeite oder lese ist das sinn-volle Zeit. Wenn ich am Strand liege oder eine Massage bekomme, ist das Zeit, die ich mir zur Entspannung gönne. Wenn ich auf irgendetwas oder irgendwen warten muss, ist das eine Zeit….ja was?
Spätestens hier wird ja deutlich, dass das alles nur in meinem Kopf geschieht. Was kostet es mich denn wirklich, wenn ich 3 Minuten länger auf einen Kellner warte? Im vorliegenden Fall nur meine Nerven, weil ich mich darüber ärgere- und ganze Filme ablaufen lasse, die meine Stimmung weiter vermiesen.
Machtanspruch
Da spurt jemand nicht so, wie ich es will, unverschämt! Dem ist etwas anderes wichtiger. Der sieht mich nicht! Seine Arbeit bewertet er höher als meine. Was denkt der sich? Usw.
Der Punkt ist, mit solchen Gedanken bezieht man das Verhalten des anderen (der einen warten lässt) auf sich selbst. Der hat aber meist völlig andere Gründe. Dass er in der Tat etwas anderes wichtiges erledigen muss. Er hat einfach eine andere Bewertung und ist in der anderen Situation.
Manchmal ist es vielleicht auch Gedankenlosigkeit oder er weiß nicht, wie wichtig es für mich ist. (Falls es das wirklich ist). Ich habe oft den umgekehrten Fall erlebt, dass Kunden ganz dringend bestimmte Infos oder Ausschreibungen von mir haben wollten- und dann lag es tagelang unbearbeitet auf ihrem Schreibtisch. Also auch da nur der Wahn, „es muss schnell gehen“, ohne konkreten Hintergrund.
Die anderen sind in der Regel nicht meine Untergeben – und so kann ich ihnen nichts vorschreiben. Ich kann sie fragen oder darum bitten.
Ergebnis
Wenn ich Hunger habe, ist es verständlich, dass ich möglichst schnell mein Essen möchte.
Wenn ich einen Artikel fertig schreiben will und vielleicht einen bestimmten Abgabetermin habe, ist es auch verständlich, dass ich die fehlenden Infos bald haben möchte.
In solchen Fällen hat man es aber auch oft selbst in der Hand, wie rechtzeitig man sich darum kümmert, anfragt, ins Restaurant geht.
Ohnmacht
Ein Kontrollfreak hat es hiermit sicher schwer. Er kann nicht selbst bestimmten, wie und wie schnell etwas geschieht. Er hat es aus der Hand gegeben und muss warten- furchtbar! Auch hier gibt es sicher ernsthaft brisante berufliche Situationen. Bei Zeitungsredaktionen oder anderen Arbeiten, wo die Zeit wirklich eine Rolle spielt.
Aber auch hier wie bei allen anderen Punkten stellt sich die Frage:
Wie geht es mir persönlich besser, wenn ich nun mal in der Situation bin, wo ich warten muss? Wenn ich im Dreieck springe und mich tierisch aufrege? Das verhilft nur zu Magengeschwüren.
Oder wenn ich gelassen reagiere und es einfach akzeptiere, wie es ist und das beste draus mache? Die Bahn kommt nicht schneller, wenn ich gegen die Schienen trete!
Strategien gegen Ungeduld
Da es sich also alles in unserem Kopf abspielt, können wir es auch da lösen. Das bedeutet zum einen, andere Denk- und Fühl-Muster zu entwickeln, aber auch Verhaltensstrategien entwickeln, die ein Umbewerten der Situation erleichtern.
Beispiele
Ich möchte gerade eine Sache bearbeiten und warte auf einen Rückruf, da mir dazu noch bestimmte Informationen fehlen.
Ich habe aber leider die Eigenschaft, dass ich mich schlecht auf eine wichtige Arbeit konzentrieren kann, wenn ich denke, dass jeden Moment das Telefon klingelt. Also geht diese kostbare Zeit "verloren".
Strategie könnte hier sein:
- An Dingen zu arbeiten, die keine hohe Konzentration erfordern wie E-Mails beantworten, einen Artikel lesen, die Ablage machen oder ähnliches.
- Ich könnte aber auch lernen, trotzdem mit der wichtigen Sache weiter zu arbeiten und die Unterlagen für das Telefonat griffbereit daneben zu legen.
- Mir eine kurze Pause gönnen, aufstehen und eine Yogaübung machen.
- Schauen, wie andere sich in solchen Situationen verhalten.
- Vielleicht könnte man auch solche Leer-Zeiten im Sinne von Zen als erwünschte Leere sehen? Die Zeit nutzen für Meditation und Atembeobachtung? Dann wäre es kostbare geschenkte Zeit und keine verschwendete.
Vielleicht fallen Ihnen noch ganz andere Variationen ein.
Bei mir hat Ungeduld also offensichtlich viel mit nicht- gerne- warten zu tun.
Hier fällt mir vor allem der große Kontrast mit Menschen aus den Orient ins Auge. Die können ja offensichtlich mit einer Schafsgeduld endlos warten. Woran liegt das?
Spontan kommt mir die Idee: weil sie viel mehr im Hier und Jetzt leben und nicht so viel planen. Ich habe ja immer bestimmte Monats-, Wochen- und Tagespläne, will oder muss bestimmte Dinge bis zu einer bestimmten Zeit erledigen.
All das finden wir ja auch normal.
Den Beduinen in der Sahara ist das ziemlich fremd. Sie haben keinen Terminkalender. Wenn Sie Tee kochen wollen machen sie sich auf die Suche nach Feuerholz. Sie planen nicht ihren Weg danach, wo es viel Holz geben könnte. Allerdings fangen sie schon manchmal auf dem Weg zu Brunnen an, Holz zu sammeln für abends.
Aber das geschieht mehr spontan.
Natürlich leben sie auch in ganz anderen Zusammenhängen- von daher kann ich das nicht so einfach auf mein Leben übertragen.
Daher würde mich sehr interessieren:
Wie gehen Sie mit „warten“ um? Wie empfinden Sie es, wenn Sie auf etwas warten müssen. Was machen Sie dann?
Welche Strategien haben Sie, um Warten „zu überbrücken“? Oder zu ertragen? Oder zu genießen?
Teilen Sie doch Ihre Gedanken und Erfahrungen mit uns.
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