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Barbier oder Arzt? Unorthodoxe ärztliche Versorgung

Nachmittags kam K. zu mir rüber an die Liege und fragte nach meinem Fuß.  

„Och der ist immer noch ziemlich dick und tut weh.“ Wir unterhielten uns über unsere Berufe und R.s Fuß, die gleich am ersten Urlaubstag die Treppe runtergestürzt war und sich den Fuß verstaucht hatte.  (Von Humpelchen zu Humpelchen hatten wir uns natürlich schnell kennen gelernt.)

Sie meinte, dass Mevlüt damals den Arzt angerufen hat und der dann Salbe etc. für R. mitgebracht hat.

K. machte mich darauf aufmerksam, dass Mevlüt gerade im Oleander sei. Vielleicht könne er auch für mich den Arzt anrufen, damit er mir Sonntag Salbe und eine elastische Binde mitbringt.

Also humpelte ich sofort zum Oleander, wo ich Mevlüt beim Essen mit den anderen Mitarbeitern fand. Ich erklärte ihm, worum es ging, er spricht von allen am besten Deutsch. „Ja du kannst anrufen, der spricht Englisch.“  „ So was kann ich aber nicht auf Englisch. Kannst du ihm das auf Türkisch sagen?“ Tamam.

Er erreichte den Arzt sofort und erzählte- was auch immer. Ob ich nur Salbe und Verband wolle oder auch, dass jemand guckt? „Nur Salbe und Verband.“

Dann kam folgende Order:

Ich solle zum Barbier gehen, der hat den Schlüssel und kann mir aufschließen. Das Arztzimmer ist direkt nebenan. Ich könnte dann Salbe und Verband nehmen und das Geld dort da lassen. Der Preis steht drauf.

„Aber du musst jetzt gehen, er geht gleich nach Kumluca“.

Aha. Als ich das freudestrahlend K. erzählte, fragte sie netterweise, ob sie mich mit dem Auto fahren solle. Auja.  Dann fiel mir ein, der Arzt oder zumindest Mevlüt hatte nichts gesagt, welche Salbe ich denn nehmen sollte. K. wusste aber, welche Salbe ihre Freundin bekommen hat. Gut.

Beim jungen Barbier sitzt ein Knabe, fast schon zur Glatze geschoren, eben der klassische türkische Haarschnitt für einen ordentlichen Türken.

Mit einigen Brocken Türkisch und viel Pantomime, brachte ich den jungen Barbier dazu, uns in das Arztzimmer zu geleiten. Mit Schlüssel war da nix, alles stand offen, so auch alle Schränke.

In den Bergen von Schachteln, Döschen und Tuben suchten wir vergeblich. Ich meinte zwar eine Art Ordnungssystem zu erkennen, wenn auch sehr vage.

Nur, die besagte Salbe fanden wir nicht, auch keine Bandage.
Die Beschriftungen waren natürlich alle auf Türkisch, auch die Beipackzettel.

Mit einer Mischung aus Faszination und Unglauben durchkämmten wir die ganze Praxis einschließlich der Küche.
Der Barbier war längst zu seinem Kunden zurückgekehrt und hatte sie vertrauensvoll alleine gelassen. Sie hätten in Ruhe die ganze Praxis plündern können einschließlich des Geldes, das auf dem Schreibtisch lag. Der war ebenso chaotisch von Papieren übersät.

K. schaute sogar im Kühlschrank nach, wo auch einiges deponiert war, allerdings war er nicht angeschlossen.

Überhaupt diese Praxis. Ein ziemliches Chaos und auch nicht besonders sauber. Durch die offene Tür konnte ja auch ungehindert der Staub herein.

K. meinte leise: “Hier möchte ich nicht ernsthaft krank werden.“

Also wieder zum Barbier.
„Keine Salbe- weiß nicht- bilmiyorum.“ Ob er wisse, wann der Arzt denn selbst mal käme, wir hätten nichts gefunden. Nein, keine Ahnung. Aber ich könne ihn ja anrufen. „ Numera bilmiyorum- Ich weiß die Nummer nicht.“ Er zeigt auf das Praxisschild, wo hinter Sträuchern Teile der Telefonnummer zu lesen sind. „Benim telefon yok -Ich habe aber kein Telefon.“

Schließlich zückte er sein Handy und rief an. Mit dem Handy am Ohr und uns im Schlepptau ging es wieder an die Schränke, wo er eine Rheuma- Salbe raussuchte. Buchstabierte durch das Telefon: „Rhe- uma Gäll“- Rheuma Gel.

„Ich habe aber kein Rheuma.“ K. meinte, sie sei aber gegen Entzündung. OK.

Sie war zwar auch 2008 abgelaufen, aber so kleinlich wollte ich dann auch nicht sein. 8 Lira kostete mich der Spaß, ich legte es zu anderem Geld, das schon auf dem chaotischen Schreibtisch lag und wechselte dort selbständig.

Kichernd stiegen wir ins Auto. „Danke, dass du mich gefahren hast.“ – „Oh, ich bedanke mich für dieses köstliche Abenteuer.“

 

Ich fand es einerseits schon toll, dass das hier so unkompliziert und völlig unbürokratisch ablief und mit so viel Vertrauen. Andererseits war ich schon erschrocken über die Unordnung und unhygienischen Bedingungen. Doch offensichtlich funktioniert es.

 

 

 

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