Kreativität und Chaos – gehören die zusammen?
Cordula Nussbaum – Organisieren Sie noch oder leben Sie schon? Zeitmanagement für kreative Chaoten
Kreativität und Chaos – gehören die zusammen?
Vorweg gleich ein Widerspruch von meiner Seite: ich bin ein sehr kreativer Mensch und auch die im Vorwort angeführten Werte wie Freiheit und Neues ausprobieren sind mir wichtig. Es gibt auch durchaus chaotische Seiten in mir. Aber ich würde mich nicht als Chaoten bezeichnen.
Ich finde diese häufig beschriebene Verknüpfung (auch in anderen Büchern) von Kreativität und Chaos fatal, so als ob das eine zwangsläufig mit dem anderen verbunden wäre.
Als Autorin eines Buches über Kreativität und Trainerin des gleichen Themas habe ich mich viel mit kreativem Denken beschäftigt. Daher weiß ich, das Klischee vom kreativen Chaoten trifft oft nicht zu. Es gibt und gab in der Geschichte viele hochkreative Menschen, die äußerst diszipliniert und strukturiert waren, auch hinsichtlich ihres Zeitmanagements.
Die sich jeden Tag um die gleiche Zeit hinsetzen um zu schreiben oder ins Atelier gehen, um zu malen. Berufsmusiker und Schauspieler müssen sich auch an strikte Zeitpläne halten.
So möchte ich mich auch gegen den Umkehrschluss verwahren, dass Menschen, die mit herkömmlichen Zeitmanagement- Methoden arbeiten und klarkommen, langweilige linkshirnige Routinearbeiter sind.
Sicher gibt es solche Tendenzen.
Doch ähnlich wie bei den Lerntypen sind wir auch hier vielleicht alle Mischformen? Und müssen dementsprechend unsere passende Form des Zeitmanagements finden. Ob aus der klassischen Trickkiste oder der alternativen.
Positive Verstärkung
Gut gefällt mir, dass die Autorin gleich zu Beginn diejenigen positiv bestärkt, die bislang mit herkömmlichen Zeitplantechniken nicht klar kommen. Dass sie ihnen deutlich macht: „Ihr habt andere Stärken und Fähigkeiten, die ihr für euer Zeitmanagement einsetzen könnt.“
Auf neun Seiten beschreibt sie neun Gründe, warum kreative Chaoten stolz sein dürfen und welche besonderen Fähigkeiten sie haben.
Das macht Lust, das Buch weiter zu lesen.
Fakt ist auch: viele Menschen kennen die einschlägigen Methoden, wenden sie aber dennoch nicht an. Warum?
Weil sie nicht die Disziplin haben? Die Methoden nicht zu ihnen passen? Das müsste man genauer erforschen, um entsprechende Lösungen anzubieten.
Polaritäten
Immer wieder stoße ich auf Stellen, wo mich die sehr zugespitzte Darstellung der Chaoten- und Ordner Typen etwas stört.
Es ist zwar witzig, locker und humorvoll geschrieben und ich kenne die Zuspitzung auch als Mittel, bestimmte Dinge dadurch deutlicher auszudrücken. Nur hilft es mir (an dieser Stelle) nicht weiter, da ich von beiden Typen einige Merkmale besitze.
Ein weiteres Beispiel von S. 66, wo „Lustbringer- Tätigkeiten“ angesprochen werden. Bei mir geht es weniger darum, was ich mache. Die meisten Arbeiten mache ich gerne – unter bestimmten Bedingungen – und sie sind für mich Stress unter anderen Bedingungen. Beispielweise unter Zeitdruck.
Selbst Verwaltungs- und Büroarbeiten können mir Spaß machen, wenn mir nicht wichtige andere Dinge im Nacken sitzen.
Im Prinzip ist vieles richtig, aber es ist so leicht und salopp daher gesagt und wirkt in der Form auf mich dadurch manchmal etwas oberflächlich. Sinngemäß: Wenn du mit deiner Arbeit nicht zufrieden bist, dann wechsle sie. Oder – wenn man seine Talente ausleben kann, dann gibt die Arbeit Energie und das Thema Zeitmanagement „wird fast schon überflüssig“. (S. 67)
Da muss ich – allerdings leider – widersprechen. Gerade wenn einen die Arbeit begeistert und erfüllt, ist die Gefahr groß, zu viel zu arbeiten. Was oft aber auch kein reines Zeitmanagement- oder Work-Life-Balance Thema ist. Es können ja ganz andere Gründe dahinter liegen: man verbringt viel Zeit mit seiner Arbeit, weil die Ehe nicht glücklich ist oder weil man alleine lebt, und eine Leere ausfüllen will. Oder weil man auf diesem Wege Anerkennung bekommt oder oder...
Was ist neu?
Da ich schon die einschlägigen Bücher zum Thema von Covey und Seiwert gelesen hatte (und auch er hat schon 2000 ein Büchlein mit anderen Autoren zusammen geschrieben: „Zeitmanagement für Chaoten“), erhoffte ich mir hier eine Ergänzung zu den herkömmlichen Methoden. Als solches war es ja auch angekündigt.
Ich habe nicht die Erwartung oder den Anspruch, dass in einem solchen Buch alles neu ist. Wir alle bauen auf dem Wissen anderer auf, haben viel gelesen und Seminare besucht.
Ein Exkurs
Womit ich aber Schwierigkeiten habe ist, wenn Autoren nicht sauber angeben, wessen Idee sie aufgreifen und weiter entwickeln oder durch einen neuen Fantasienamen so tun, als sei es ihr eigenes Kind.
So wie hier bei der PIDEWaWa- Methode (den Begriff finde ich auch nur albern – wobei ich Pide, das türkische Fladenbrot gerne esse :-). Sie unterscheidet sich kaum von den altbekannten Methoden wie dem NLP „Zielrahmen“ oder auch der SMART- Methode.
Ich verstehe das auch nicht, warum Autoren das immer wieder machen und meinen, das nötig zu haben. Das begegnet mir auch immer wieder auf meinem Gebiet. Da werden Lerntypen „neu“ erfunden, einer dazu gestrickt, die Suggestopädie drei mal umgerührt und in eine (für mich unlogische) neue Reihenfolge gebracht und die einzelnen Phasen anders benannt. Und schon hat man ein neues Modell wie M.A.S.T.E.R. oder AL.
Früher ist mir das auch schon in anderen Bereichen begegnet. Seit 30 Jahren mache ich Yoga, 1990 habe ich meine Prüfung als Yogalehrerin gemacht. Wie alles hängt die konkrete Praxis sehr vom Lehrer ab. Der eine macht es sanfter, meditativer, ein anderer energetischer und mit mehr Power. Doch alles ist Hatha- Yoga, das tausende von Jahren alt ist. Und plötzlich tauchen die merkwürdigsten Blüten auf: Luna- Yoga, Power-Yoga bis zu Quick- Yoga.
Vielleicht steckt dahinter der Drang, etwas vermeintlich Neues schaffen zu müssen. Fehlende Demut um zu sagen: dieses System ist so großartig, da muss ich nichts dran verschlimmbessern. Und durch meine Person bekommt es ohnehin seinen individuellen Stempel.
In meinen Augen hätte es nichts an Qualität gewonnen, wenn die Autorin ihre Quellen genannt hätte.
Zurück zum Buch und was mir gut gefällt
Auch wenn ich viele Methoden von Seiwert kenne (der nicht einmal in der Literaturliste auftaucht), so hat sie eine ganz eigene, frische und lebendige Art, diese zu vermitteln und in ihr Gedankenkonzept einzubauen. Damit wäre ich auch durchaus schon zufrieden.
Es gibt noch einmal neue Impulse, Dinge von einer anderen Seite aus zu sehen. So wie ja auch Bücher, die man nach zwei Jahren noch einmal liest, oft neue Erkenntnisse bringen.
Gut gefällt mir auch der Teil (der letzte Buchstabe der PIDEKaWa- Methode) „Begründen Sie, warum Sie Ihr Ziel erreichen wollen.“ In einer Fortbildung mit Monika Birkner habe ich eine ähnliche Übung kennen gelernt, mit dem Namen „Nordpol- Übung.“ Dort mussten wir für unser Projekt 50 Gründe notieren, davon 3 auswählen und sich täglich damit verbinden.
Das gibt eine enorme Kraft und Energie, sich dann auch regelmäßig für dieses Ziel einzusetzen. Und wie Frau Nussbaum schreibt: spätestens hier wir einem bewusst, ob es wirklich ein eigenes Ziel ist und eins, das uns wirklich am Herzen liegt.
Im „Werkzeugkoffer“ finden Sie viele bekannte Techniken und Ideen zum Zeitmanagement, allerdings mit Ergänzungen und Varianten.
Dazu gibt es aber noch weitere Inhalte, die man sonst nicht unbedingt in Büchern zum Thema findet, beispielsweise zum Thema „Perfektionismus“ und „sich belohnen.“
Wunderbar finde ich die Kapitel zum Thema aufräumen und ausmisten (Strategie 3) und Strategie 5: Nein sagen.
Denn das erlebe ich in meinen Zeitmanagement- Seminaren immer wieder, dass hier eine Ursache für scheinbare Zeitmanagement- Probleme liegt. Und die Autorin bietet wirklich sehr elegante Lösungen an (die ich gleich in einem Seminar weiter gegeben habe). Diese beiden Kapitel (und ein weiteres zum Thema „Delegieren“) sind sehr ausführlich, haben Tiefe und sind konkret.
Insgesamt gesehen
Es ist ein fröhliches, locker geschriebenes und inspirierendes Buch zu einem Thema, das oft eher trocken oder schwer daher kommt. Zeitmanagement- Seminare werde oft auch eher aus einer Notwendigkeit heraus gebucht denn aus freudigem Interesse.
Dieses Buch dagegen ist leicht lesbar – was ich grundsätzlich befürworte. Doch selbst mir kam es manchmal etwas zu easy daher, etwas „amerikanisch“. Du schaffst es! Krempel dein Leben um! Wobei mir das dennoch lieber ist als mit zusammen gebissenen Zähnen die Botschaft zu erhalten: Das kostet nun mal Disziplin! Reiß’ dich zusammen!
Mir gefällt auch die Aufmachung gut, es hat ein aufgelockertes Layout und fröhliche gelbe Farbkleckse.
Es ist ein Arbeitsbuch – und so sieht meins jetzt auch aus: viele Markierungen und Klebezettel, Bemerkungen dazu geschrieben – und gleich die ersten Anregungen umgesetzt.
Wenn das ein Buch schafft, ist es für mich ein lohnendes Buch, auch wenn ich an diversen Stellen gemeckert habe.
Und irgendwie hat mir der rote Faden gefehlt. Aber da es ein Buch für Chaoten ist, kann ich den vielleicht nicht erwarten.
Fazit: für mich persönlich konnte ich einiges entnehmen und brauchen, für meine Zeitmanagement- Seminare eher weniger. Mit Ausnahme der Kapitel Nein sagen und delegieren.
Für Menschen, die noch keine anderen Bücher zum Thema gelesen haben und nicht selbst Seminare zum Thema geben wie ich, sieht es wahrscheinlich ganz anders aus.
Als Erst-Lektüre finden sie eine Fülle an traditionellen und alternativen Methoden zum Thema Zeitmanagement und verwandten Randthemen, die sehr inspirieren. Vorausgesetzt die Leser sind eher "Chaoten" und stören sich nicht an dem zumindest für mich undurchschaubaren Aufbau.
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