Was heißt denn nun überhaupt "scheitern"?
Für jeden sicher etwas anderes. Petra Schuseil bat für ihre Blogparade um Beispiele aus unserem Leben. Und da fängt es schon an. Nehme ich Situationen, die ich selbst als Scheitern erlebt habe oder die von außen wie Scheitern aussahen oder gemeinhin als Scheitern bewertet werden?
Ich glaube, ich habe durchaus Situationen in meinem Leben als Krise erlebt, aber ich kann mich nicht erinnern, den Begriff Scheitern in dem Zusammenhang gedacht zu haben.
Als Beispiel möchte ich meine Arbeitslosigkeit nehmen (was andere vielleicht mit "Scheitern" bezeichnet würde).
Nach meinem Studium der Diplom-Pädagogin bekam ich wundersamerweise gleich einen Job, wo ich dann 11 Jahre angestellt war. Dort führte ich schon Seminare durch für Lehrer, Ausbilder und Sozialpädagogen in der berufsbegleitenden Ausbildung.
Das "Scheitern"
Irgendwann wurden diese Maßnahmen gestrichen und unser Team wurde komplett arbeitslos.
Vorher hatte ich durch meine links-politische Vergangenheit immer die Einstellung, dass das natürlich kein persönliches Versagen ist, sondern an der bösen Gesellschaft liegt. Und wähnte mich daher immun gegen persönliche Versagensgefühle.
Dennoch war das Ereignis natürlich erschütternd. Da hat man sein Herzblut in die Projekte gesteckt, voller Idealismus und unzähligen Überstunden- und es interessierte keinen Menschen.
Die Arbeitslosigkeit brachte nicht nur Veränderungen im Alltag, sondern es war vor allem die Reaktion von außen, die unmerklich auch in meinem Empfinden Veränderungen bewirkten. Nicht selten kamen doch unterschwellig solche Haltungen durch wie: "Wenn die nur wollte, dann hätte sie auch einen Job", vor allem von der eigenen Familie.
Ich habe die Zeit nicht mehr allzu deutlich in Erinnerung (1987-89). Was ich allerdings noch weiß ist, dass ich die Zeit nutzte, um mich weiterzubilden.
Ich begann 1988 mit meiner Ausbildung zur Yogalehrerin (die ich 1990 beendete) und machte von 1989-1992 meine Ausbildung in Gestalttherapie.
Hin und wieder führte ich ein 5 tägiges Seminar durch- dann meldete ich mich für die Woche beim Arbeitsamt ab und danach wieder an - das war ganz legal.
Und begann mit ersten offenen Kursen in meinem Wohnzimmer mit "Yoga und kreativer Selbsterfahrung."
Schließlich bekam ich für zwei Jahre eine ABM bei der Stadt Köln in einer Beratungsstelle für Weiterbildung, wo ich selbstständig ein Projekt mit allen Bildungsträgern in Köln gründete. Anschließend (schon nach Beendigung der ABM) schrieb ich noch eine Broschüre über dieses Projekt.
Und startete dann in die Selbständigkeit...
Was lässt sich daraus ableiten?
Ich habe das so ausführlich beschrieben, weil sich daraus vielleicht einige grundlegende Erkenntnisse (und Tipps) ableiten lassen.
1. Arbeitslosigkeit bringt Zeit mit sich- das kostbarste Gut überhaupt. Diese Zeit kann man nutzen, um etwas an seiner Situation zu verändern.
2. Ich habe auch in der Zeit aktiv versucht, Geld zu verdienen.
3. Das Projekt, bei dem ich alle Weiterbildungsinstitute in Köln kennen lernte, legte eine gute Basis für meine danach gestartete Selbständigkeit.
4. Durch das Schreiben der Broschüre (ca 150 Seiten, also eher ein Buch) stellte ich fest, dass mir Schreiben Spaß macht und ich es auch gut und schnell kann.
5. Ich hatte auch schon vor der ABM einige Arbeitsangebote, aber jeweils nur für 1 Jahr und ziemlich grausliche Jobs. Offensichtlich hatte ich Mut genug, diese abzulehnen- und es kam dann ja auch etwas besseres.
Oft ist es so, dass wir in der Rückschau sehr viel leichter sehen können, dass eben vermeintliche Krisen oder Scheitern unser Leben langfristig in eine bessere Richtung gelenkt haben.
Das ist für mich das Wichtigste bei diesem Thema.
Ich weiß nicht, ob dazu eine spirituelle Sicht notwendig ist- mir hat sie jedenfalls dabei geholfen. Damit einher geht das Vertrauen, dass es eine höhere Macht oder eine universelle Gesetzmäßigkeit gibt, die wir - mitten in der Krisensituation steckend- nicht immer erkennen können.
Ich habe mir oft mit dem Bild des hinduistischen Gottes Shiva (unter anderem der Gott der Zerstörung)geholfen- das mir auch in einer Krise hilft. Denn es verkörpert für mich auch solch ein Urgesetz: Es gibt immer wieder Zeiten, in denen Altes zerstört wird und zusammen bricht. Damit Neues wachsen und entstehen kann.
Wenn ich mir selbst in solchen Zeiten sagte:"Ah, das ist wieder eine Shiva-Phase", dann hat mir das schon geholfen, aus der Panik herauszukommen und mich dafür zu öffnen, dass es vielleicht zu etwas gut ist.
Wenn ich mich dann auch an frühere Erlebnisse erinnere, wo sich das genau so gezeigt hat, dann hilft mir das zusätzlich.
Das lernen wir ja auch vom NLP: Das Wichtigste, um zu einer neuen Lösung zu kommen, ist erst einmal, in einen guten inneren Zustand zu kommen. So lange wir in Panik oder im "stuck state" sind, sind wir nicht kreativ.
Weiterentwicklung
Nachdem ich dann diese zwei Jahre ABM abgeschlossen hatte und per Werkvertrag noch die Broschüre geschrieben hatte, beschloss ich, es mit der Selbständigkeit zu versuchen.
Damals hatte ich drei Jahre Zeit, in denen ich mich wieder arbeitslos hätte melden können. So lange wollte ich es versuchen.
Der 1. Schritt schien mir dann zu sein, einen Anrufbeantworter zu kaufen. Und einige Tage später erhielt ich dann einen Anruf von einem Institut, ob ich wieder bundesweite Seminare für sie machen wollte für Lehrer und Ausbilder.
Das erschien mir dann als Zeichen des Himmels, dass ich eine richtige Entscheidung getroffen hatte.
Durch das vorherige Projekt hatte ich ja viele Konktakte zu Weiterbildungsinstituten, die ich nun anrief und Seminare anbot. Natürlich verdiente ich in den Bildungswerken und VHS nicht übermäßig, aber es war ein Einstieg.
Dann kam die Anfrage, ob ich einen Weiterbildungsband über Methoden schreibe. Früher hatte ich diese Anfrage abgelehnt, nun- nach der Erfahrung mit der Broschüre- sagte ich freudig zu. Und begann damit meine Karriere als Autorin.
Das heißt, aus der Rückschau sehe ich jede Menge positive Impulse, die ich aus der Zeit der Arbeitslosigkeit erhalten habe.
Ich habe entdeckt, welche Fähigkeiten ich habe- und was mir nicht so liegt.
So habe ich festgestellt, dass mich eine solche Verwaltung irre macht und dass es viel besser zu mir und meiner Persönlichkeit passt, selbstständig zu sein. Unabhängig, selbst entscheiden können, was ich mache und wie.
Das hat sich alles in den folgenden 20 Jahren bestätigt- und ich hätte es ohne diese Phase des "Scheiterns" vielleicht nicht erfahren - oder erst sehr viel später.
Ich habe aber ebenso entdeckt, dass ich nicht immun bin gegen Gefühle des Versagens, wenn der Druck von außen zu groß wird. Ich konnte erleben, wer meine Freunde sind und wer mich unterstützt.
All das sind reiche Erfahrungen.
Ein kleiner Nachsatz
Auch heute gibt es immer mal wieder Situationen, die man vielleicht als "scheitern" bezeichnen könnte. Wenn beispielsweise ein Seminar ausfällt, weil der Kunde plötzlich absagt oder ich ein offenes Seminar wegen zu geringer Anmeldungen absagen muss.
Da habe ich aber immer wieder erlebt, dass ich auch da im Nachhinein meistens froh war. Weil etwas anderes kam oder etwas passiert ist, wo ich das Seminar ohnehin nicht mit vollem Einsatz hätte machen können. (Beispielsweise kam meine Mutter ins Krankenhaus und so konnte ich zu ihr).
Diese Sicht hilft mir, auch da mehr Vertrauen zu haben, dass es seine Richtigkeit hat, was auch immer passiert.
Die Grundhaltung, die ich mir im Laufe der Jahre als Kreativitätstrainerin natürlich immer mehr angeeignet habe: jede Situation, jedes Scheitern als Anlass nehmen, um kreativ zu sein, kreative Lösungen und neue Wege zu finden.
Es wirklich als Chance zu sehen, meinen Kurs neu zu überdenken und eventuell einen Kurswechsel vorzunehmen, weil alle Zeichen dahin deuten.
Aus dieser Sicht kann es eigentlich kein Scheitern geben, sondern nur Veränderung und Wachstum.