Gestern war ich in dem Film "Friedensschlag", der mich zutiefst bewegt hat.
Ich erfuhr über den Newsletter von BoomtownMedia davon, den ich beziehe, seit ich den Film "Rhythm is it" gesehen und weiter empfohlen hatte.
Sie produzieren sehr ungewöhnliche und mit Preisen ausgezeichnete Dokumentarfilme wie "Rhythm is it" und "Trip to Asia".
Ihr neuester Film "Friedensschlag" ist nun seit dem 15. April in den Kinos zu sehen.
Der Hintergrund
Es handelt sich um ein Projekt "Work and Box" vor den Toren Münchens, die mit gewaltbereiten männlichen Jugendlichen zwischen 16 und 21 Jahren arbeiten.
Das Team aus Sozialpädagogen und Psychologen, Handwerksanleitern und Boxtrainern bereitet die Teilnehmer auf ein Leben innerhalb der Gesellschaft vor.
Das Projekt besteht seit 2003 und arbeitet mit einer Erfolgsquote von 80%. Die Jugendlichen haben Schulabschlüsse gemacht und einen Ausbildungsplatz bekommen.
Es handelt sich um Jugendliche, denen Gerichtsverfahren und Strafvollzug droht und die selbst teilweise massive Traumatisierungen erlebt haben.
"..zerbrochene Familien, Ausgrenzung als Migranten der zweiten oder dritten Generation, Verwahrlosung, Misshandlung. Integration findet auf keiner Ebene statt. Und: 97 Prozent der Gewaltstraftäter waren oder sind selbst Gewaltopfer."
Über den Film
Der Film hat mich in mehrfacher Hinsicht sehr beeindruckt und erschüttert.
Das Team von Work and Box
Beeindruckt haben mich die Mitarbeiter von Work and Box. Mit welch unerschöpflicher Geduld sie dran blieben, nicht aufgaben und nicht ausflippten, wo ich es als Zuschauerin schon kaum aushielt, still zu bleiben.
Mit welcher Klarheit sie gleichzeitig immer wieder aufzeigten, worum es geht und was die Jugendlichen selbst dazu beitragen müssen, um aus ihrem inneren Gefängnis von Gewalt herauszukommen.
Und vor allem: wie sie tatsächlich hinter all diesen Fassaden von Aggression und unflätigen Beschimpfungen es schafften, die andere Seite und die verborgenen Potenziale und Möglichkeiten der Jugendlichen wirklich zu erkennen und zu sehen. Anders ist solch eine Arbeit gar nicht möglich. Denn ich kann nichts fördern und entwickeln, wenn ich vermute, dass da gar nichts ist.
Film
Dokumentarfilme gehören sonst nicht zu meiner Haupt- Film-Kost. Dieser hier zeigte mir wieder einmal, wie spannend Dokumentarfilme sein können. Wie entscheidend auch hier das innere Verständnis und wirkliche Hinschauen ist. Die ruhige Kameraführung, wo wir sonst oft vor hektischen Schnitten kaum noch etwas sehen können. Lediglich die Musik war manchmal etwas zu laut und zu aufdringlich.
Ich habe mich keine Minute in diesem Film gelangweilt. Die Bilder, die Zusammenstellung von Interviews, Beobachtungen und Einblenden der Umgebung waren äußerst kunstvoll und hielten die Zuschauer gefangen.
Die Jugendlichen
Was mich persönlich am meisten erschütterte, waren nicht einmal die Gewalttaten der Jugendlichen, sondern ihre absolute Sprachlosigkeit. Anfangs ist es lediglich ein Gestammel, ein Aneinanderreihen von Beschimpfungen und Kurzformen. "Verpiss dich, ater Mann!" "Eh alter Mann, das ist langweilig."
Eine völlige Unfähigkeit, mit Worten auszudrücken, was sie wirklich erleben, fühlen, meinen. Wenn einer dreimal hintereinander nur brüllte:"Eh, das langweilt mich", so hatte er einfach keinen anderen Begriff auf Lager. Denn mit Langeweile hatte das am allerwenigsten zu tun.
Er konnte nicht ausdrücken (und es selbst auch gar nicht klar fühlen), dass er die Situation bedrohlich, unverständlich oder was auch immer fand.
Mir wurde klar: diese Sprachlosigkeit hat wohl weniger mit mangelnden Deutschkenntnissen zu tun, sondern damit, dass sie einfach in keinster Weise gewohnt waren, normal zu kommunizieren.
Und ich habe die Vermutung, dass Sprache damit zusammen hängt, was ich im Innern fühle, denke, meine. Wenn ich etwas sprachlich nicht ausdrücken kann, kann ich es auch nicht denken. Und umgekehrt.
Dieses innere Gefängnis des Nicht- Verstehens, dieser Panzer aus Gewalt gegen eine bedrohliche Welt und die Unfähigkeit, zu reflektieren, sich auszutauschen und an sich zu arbeiten- das fand ich das wirklich Erschreckende und Erschütternde.
Umso dankbarer bin ich, dass es solche Menschen wie das Team von "Work and Box" gibt, die mit einem ungeheuren Einsatz sich auf diesen sehr langen und mühseligen Prozess einlassen, diese Jugendlichen zu begleiten und zu unterstützen, sich mit sich selbst zu konfrontieren, sie aus der Sprach- und Verständnislosigkeit hinauszuführen und dabei zu helfen, dass sie Verantwortung für ihr Leben übernehmen und nicht in absoluter Hoffnungslosigkeit sich dem Gefängnis und weiterer Gewalt ausliefern.
Ebenso dankbar und erfreut war ich, dass es offensichtlich auch Unternehmen gibt, die bereit sind, solchen Jugendlichen eine Chance, einen Arbeitsplatz zu geben, damit sie neu starten können.
Ein Film also, der erschüttert, aber auch Hoffnung macht.
Der nichts gemeinsam hat mit den aktuellen Fernsehserien über spektakuäre Maßnahmen mit schwierigen Jugendlichen, die in die Wüste geschickt werden, sondern sich auf ruhige Art in die Tiefe wagt.